Salonpalaver palavert gern über seine Sicht aufs geschriebene und gesprochene Wort. Diesmal über „Pfister“, den ersten Roman von Heinz Emmenegger.
Vor einigen Jahren geisterte es durch die Medien: das „häufigste Wohnzimmer der Schweiz“, visualisiert von Jung von Matt. Mit wohligem Schaudern betrachteten wir urbanen, stilsicheren Menschen die hellblaue Sofakombination und die Monstrosität namens „Wohnwand“. Wenn wir ganz ehrlich waren, mischte sich in unser Entsetzen eine Spur Neid. Der Neid derer, die sich für geistig weiter entwickelt und deshalb unglücklicher halten, auf diejenigen, denen sie eine einfältige Lebensfreude unterstellen.
Ein ähnliches Gefühl ergreift den Leser, wenn er Pfisters Welt durchstreift. Vielleicht ist dies der durchschnittliche Schweizer überhaupt: Pfister, der in einem Vorstadt-Einfamilienhaus mit seiner lebenstüchtigen Frau Heidi ein unspektakuläres Leben führt. Pfisters exzentrischster Zug ist seine Hammond-Orgel; seine existenziellste Krise wird dadurch ausgelöst, dass der neue Briefträger die Zeitung in den Briefkasten stopft. Tatsächlich wird Pfister an einer Stelle als „zufriedener Idiot“ charakterisiert.
Die Idylle wird zur Gratwanderung
Dieser Pfister also soll von einem Fernsehteam portraitiert werden. Und plötzlich zeigen sich Risse in der kleinbürgerlichen Beschaulichkeit. Sorgfältig verborgene Ängste und Konflikte drohen hervorzubrechen. Anstoss dazu geben nicht zuletzt die Mitglieder des Fernsehteams, deren neurotische Teambeziehungen jeden Moment in eine Katastrophe zu münden drohen. Die Idylle, vor ständig laufender Kamera immer krampfhafter inszeniert, wird zur Gratwanderung. Auch die Nachbarn, die Pfister spontan zum Grillfest eingeladen hat, offenbaren ausgerechnet heute ihre labilen Seiten.
„Da hockten nun lauter Streithähne in seinem Garten und gefährdeten seine bescheidene Selbstdarstellung“, so empfindet es Pfister. Aber Pfister – „der das Spiel mit dem Läppischen souverän beherrscht“, wie der versoffene Fernsehmann Bärtschi feststellt – rettet die Situation: Er erweist sich als ebenso begnadeter Entertainer wie Grillmeister, und zusammen mit seiner Frau Heidi führt er die Gäste in einen überfressenen, friedlichen Stupor. Als sie daraus erwachen, ergibt sich die eine oder andere Verbrüderung, ja sogar die eine oder andere Erkenntnis.
Pfister überrascht und überzeugt
Pfister ist ein „Heimlifeisser“. Irgendwann stellt der Leser fest, dass der Mann in das Bild des zufriedenen Idioten nicht hineinpassen will. Pfister nimmt differenziert wahr, was um ihn herum und in seinem Innern geschieht; die Schärfe seiner Beobachtungen steht jener der zynischen Fernsehleute in nichts nach. Die Präzision und scheinbare Leichtigkeit, mit der Gefühle, Gedankengänge und Beziehungsmechanismen geschildert werden, machen diesen Roman verdammt stark – zusammen mit der eigenständigen, an Bildern und Assoziationen reichen Sprache. „Pfister“ (erschienen als Buch und als eBook beim Salis Verlag) ist Heinz Emmeneggers erster und hoffentlich nicht letzter Roman.
Nur wenn es um die Rolle der Frauen und um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern geht, gleiten Pfister und seine Mitmenschen allzu sehr ins Klischeehafte ab. Sowohl das Innenleben Heidis als auch das der jungen, attraktiven Tontechnikerin richtet sich unglaubwürdig stark nach den Männern aus. Der Leser jedenfalls – der in diesem Fall eine Leserin ist – empfindet die Beschreibung von dem, was sich in den Frauen des Romans abspielt, als weniger überzeugend als das Innenleben der männlichen Figuren. Weil Letztere aber so herrlich unterhaltsam durch die Geschichte stolpern, kann die entspannt emanzipierte Kritikerin grosszügig über das Manko hinweglesen.
Heinz Emmenegger ist live zu sehen und zu hören am nächsten Salonpalaver am Dienstag, 6. März in der Villa Sträuli, Winterthur. Mit dabei sind Hazel Brugger, Stefanie Grob, Andrea Samborski und Moderatorin Prisca Rauch. Partner der Veranstaltungsreihe: cultact – Giuliani Kulturbüro. Alles über Salonpalaver