Poetry Slam “Dead or Alive” im Schauspielhaus Zürich

Am 16. Mai, ein Tag vor Auffahrt, kommts im Rahmen des Poetry Slams “Dead or Alive” zur Niederkunft von vier Poeten und Poetinnen: auf der Bühne des Schauspielhauses Zürich werden drei grandiose Poeten und eine wunderbare Poetin für wenige Stunden zum leben wiederweckt: Johann Wolfang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Frank Wedekind und Unica Zürn treten mit ihren Texten gegen die vier Slampoeten Tilman Birr (Berlin), Ken Yamamoto (Berlin), Jana Klar (Biel) und Simon Libsig (Baden) an. Man mag von Poetry Slam halten, was man will, aber ein solcher Husarenritt durch Jahrhunderte der Poesie erlebt man selten! Hinter dem Team der toten Dichter steht im Wesentlichen das Kernteam der “Max & Fritz”-Slampoetryshow vom letzten September, aufgeführt ebenfalls im Schauspielhaus Zürich: René Schnoz gib den Frank Wedekind, Daniel Buser, den Nietzsche und Jens Nielsen den Goethe. Neu dabei ist Fabienne Labèr, welche Unica Zürn neues Leben einhauchen wird.

Tickets und weitere Informationen gibts auf der Website des Schauspielhaus Zürich

Und jetzt noch zwei Videomüsterchen! Zuerst den (vertonten)  Text “Tantenmörder” von Frank Wedekind und darunter, Erich Mühsam (“Der Revoluter”) an einem Poetry Slam “Dead or Alive”!

 

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Im Sirup die Wahrheit suchen

Ruth Loosli, Bild: Anne Bürgisser

Ruth Loosli, Bild: Anne Bürgisser

Salonpalaver palavert gern über seine Sicht aufs geschriebene und gesprochene Wort. Diesmal über „Wila“, den Geschichtenband von Ruth Loosli.

Wer die Geschichten über Wila liest, prustet nicht selten los, und ebenso wahrscheinlich ist es, dass ihn eine unbestimmte Nostalgie beschleicht. Wila ist abwechselnd albern und ernsthaft, jeweils dann, wenn es für sie passt; unverfroren und staunend wie ein Kind, gleichermassen nüchtern und sinnlich wie eine Katze. Nostalgie empfindet der Leser, weil er vor langer Zeit einmal den Mut hatte, so zu sein. Aber er hat ihn verloren.

Wila ist die Protagonistin von Ruth Looslis gleichnamigem Geschichtenband (erschienen Ende 2011 im Wolfbach Verlag). Vielleicht darf Wila all das, was ihre Schöpferin sich oft nicht erlaubt? Wir wissen es nicht. Auf uns Leser trifft es jedenfalls zu: Wila darf, was wir dürfen möchten.

Denn wer träumt nicht davon, sich mal eine ganze Schüssel Schoggimousse einzuverleiben, Löffel für Löffel, bis man ins Delirium gleitet? Sich bei der Coiffeuse impulsiv eine Glatze zu wünschen und nur an der Besonnenheit der Fachfrau zu scheitern? Einem Mann mit Wahnvorstellungen, den man zu therapieren versucht, Tipps von der eigenen imaginierten Freundin einzuflüstern? Im Sirup die Wahrheit zu suchen? Wer sich in die Geschichten über Wila vertieft, erwägt dies alles und findet es im Moment nicht mal so exzentrisch.

Die Wahlwinterthurerin Ruth Loosli ist live zu sehen und zu hören am nächsten Salonpalaver am Dienstag, 5. Juni in der Villa Sträuli, Winterthur. Mit dabei sind ausserdem Tanja Kummer, Marguerite Meyer, Christian Weber, Corina Freudiger. Partner der Veranstaltungsreihe: cultact – Giuliani Kulturbüro. Alles über Salonpalaver

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Gauck zur Occupy-Bewegung

Eben hab ich  “Freiheit” des neuen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck nochmals zur Hand genommen, um hier was darüber zu schreiben, da bin ich auf folgendes kurzes Filmchen gestossen:

Eine überzeugende Aussage. Aber man beachte: Auf You Tube hat der Beitrag mehr Unlikes als Likes!

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Russendiskjockey und Lesebühnetitan – Wladimir Kaminer kommt nach Zürich

Letzten August ist Kaminers Buch “Liebesgrüsse aus Deutschland” erschienen.  Am 29. März stellt er sein neustes Werk dem Schweizer Publikum im Zürcher Kaufleuten vor.  Gleichentags kommt der gleichnamige Flim zu Kaminers Buch “Russendisko” in die Kinos. Dazu zwei bewegte Impressionen, zuerst zu “Liebesgrüsse aus Deutschland”, dann der Filmtrailer zu “Russendisko”! Viel Spass! Übrigens: immer ein Besuch wert, ist auch Kaminers Website!

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Nach dem Nein zur Buchpreisbindung: Los jetzt, Buchhändler!

Heute hat das Schweizer Stimmvolk die Buchpreisbindung überraschend deutlich endgültig versenkt. In den Medienmitteilungen die der SBVV (Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband) und die Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) heute Abend verschickten, sind nochmals recht weltfremde Statements zu lesen. Der AdS schreibt beispielsweise:

“Ohne das bestens bewährte Mittel der Buchpreisbindung wird das Buch nun dem freien Markt überlassen, was die gesamte Buchbranche absehbar schwächen wird. Das wird auch Folgen für die Schweizer Autorinnen und Autoren haben, denen damit der Zugang zum Buchmarkt noch mehr erschwert wird.”

Es wird also weiterhin gejammert. Ganz falsche Strategie! Für die Buchhändler (ob grosser oder kleiner Betrieb) gilt nun: nutzt den freien Markt! Werdet zum Buchhändler! Nutzt eure Möglichkeiten zur Kundenbindung: nutzt Facebook & Twitter, Mailinglisten. Gewährt Treuerabatte. Baut euren eigenen (ansprechenden) Online-Shop. Führt Aktionstage durch und vermittelt euer grosses Buchwissen online. Schliesst euch zusammen. Werdet frech! Verkauft die ersten 100 Exemplare des neuen Martin Suter für CHF 10.-. Geht Kooperationen ein und entdeckt den Non-Books-Bereich. Blogt, zeigt Präsenz! Und vor allem: habt Mut zur Nische, seid kreativ! Ideen gibts Tausende. Aber dies alles braucht Kraft, Anstrengung und Know-How. Aber manchmal kommt es mir so vor, als ob hier der Hund begraben liegt.

 

 

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Christian Kracht im Kaufleuten: Lesung hinter Panzerglas

Heute erzählt Salonpalaver* von der Lesung eines vielbewunderten und -kritisierten Schriftstellers, der wohl nie im bescheidenen goldenen Salon auftreten wird. Das würde auch nicht passen, denn eine Rampensau ist er nicht.

Da sitzt er nun mit seinem grossen, zarten Puppenkopf, den erstaunten Augen hinter den Brillengläsern, der Künstler-Kleidung, raucht und liest mit sanfter Stimme. Er liest flüssig und mit schöner Aussprache, nur hin und wieder verhaspelt und entschuldigt er sich, während sich ein Mutterinstinkt in der Zuhörerinnen-Brust regt; man möchte den Zerbrechlichen beschützen. Ganz leise und sacht – so liest Kracht, um dessen offenbar dynamitgeladene Worte herum in den letzten Wochen ein Schlagabtausch in den Medien entbrannt ist.

Kracht schlägt den Roman „Imperium“ dort auf, wo ihn die Leserin vor wenigen Tagen aufgeschlagen hat: Auf der ersten Seite. Wieder diese wundervoll manierierte, antiquierte Sprache, jeder Satz selbstironisch und sorgfältig gedrechselt. Wer sich zu den Lesern zählt, denen die Verpackung mindestens so wichtig ist wie der Inhalt, geniesst jetzt zum zweiten Mal die vor tropischer Üppigkeit überquellenden Formulierungen wie etwa die Beschreibung der Mücke, die den Gouverneur Hahl in einem letzten Lebens- und Todestaumel sticht. Blumig wird in „Imperium“ auch das Grauenhafte geschildert – mit jener unbedingten Kultiviertheit der Sprache, die den Abbau der menschlichen Kultiviertheit umso augenfälliger macht.

Heute gibt es kein Podium, keine Fragerunde, keine Bild- oder Tonaufnahmen. Das setzt der Veranstalter strikt durch. Wie hinter Panzerglas sitzt Kracht auf der Bühne des grossen Kaufleuten-Saals vor uns und liest. Und so bleibt er rätselhaft: Sitzt da ein durchtriebener, kalkulierender Marionettenspieler des Literaturzirkus’ und Träger gefährlichen Gedankenguts, der sich hinter der unschuldigen Maske verbirgt? Oder ist Krachts Antrieb vielmehr, ähnlich dem seines tragischen Helds Engelhardt, seine immense Schüchternheit und gleichzeitige Entschlossenheit, für immer gut sichtbar abseits zu stehen? Bevor man das für sich beantwortet hat, ist Kracht bereits von der Bühne gehuscht. Danach könnte man ihm noch im Gedränge der Signierstunde begegnen. Darauf verzichtet die Leserin, denn auch dort wird er sein Geheimnis nicht enthüllen.

*Salonpalaver ist eine kleine, feine Spoken Word-Veranstaltungsreihe. Das nächste Palaver – und zweijährige Jubiläum –  geht am Dienstag, 5. Juni in der Villa Sträuli in Winterthur über die Bühne. Partner der Veranstaltungsreihe ist cultact – Giuliani Kulturbüro. Alles über Salonpalaver

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In der Kneipe “Zum ausgeschossenen Auge” – 2. Teil des Interviews mit Jaroslav Rudiš

Quelle: http://www.aloisnebel.de

Quelle: http://www.aloisnebel.de

Hier folgt der zweite Teil (der erste Teil gibts hier) des Interviews mit Jaroslav Rudiš, dem Erschaffer der Graphic Novel “Alois Nebel”.

Warum entstand aus dem Stoff eine Graphic Novel und keine “normale” Erzählung?
Die Idee daraus ein Comic zu machen, kam von Jaromír 99. Wir kennen uns seit langem, wir waren Stammgäste in der Prager Kneipe „Zum ausgeschossenen Auge“. Es war eine gute Entscheidung, ich mag seinen holzartigen Stil sehr. Und auch die rockige und melancholische Musik seiner Band Priessnitz, die jetzt mit uns auch im Literaturhaus Zürich auftreten wird. Eine Platte von Priessnitz heisst übrigens “Nebel”.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit zw Jaromir99 und ihnen? War da zuerst der Text und dann die Illustrationen oder wie wurde gearbeitet?
Wie haben an der Story vom Anfang an zusammen gearbeitet. Wir haben ziemlich viel Bier getrunken, später aber nur alkoholfreies. Ich hab was erzählt, Jaromír 99 hat was erzählt, ich kam mit der Figur von Nebel, er mit der geheimnisvollen Figur des “Stummen”. Ich habe mir was aufgeschrieben, J99 hat einen Storyboard gezeichnet. Es ist sehr schnell
entstanden, mit viel punkiger Energie. Am Anfang sassen wir sehr oft in der Kneipe “Zum ausgeschossenen Auge”. Dieser Ort hat uns schon beeinflusst. Eine alte Kneipe in Žižkov, in einem heruntergekommenen Arbeiterviertel von Prag, gleich an den Schienen zum Hauptbahnhof. Alle fünf Minuten ist ein Zug vorbeigefahren. Doch jetzt haben die einen
Tunnel gebaut und man hört und sieht die Züge nicht mehr.

Sie sind Kulturredaktor. Welche tschechischen Autoren, vielleicht der jüngeren Generation, sollte man gelesen haben?
Ich war lange Kulturjournalist, aber jetzt schreibe ich eher selten, weil ich viel zu tun habe. Ich finde, die neue tschechische Literatur ist spannend, sie ist im Wandel, in der Bewegung, sie spielt nicht nur bei uns und befasst sich nicht nut mit der Geschichte von Tschechien. Ich würde auf jeden fall die Bücher von Emil Hakl, Petra Hůlová, Radka Denemarková oder Markéta Pilátová empfehlen, das gibt auch auf Deutsch.

Zum Schluss: gibt es etwas, das Sie dem Schweizer Publikum sagen möchten?
Ich freue mich sehr auf die Schweiz. Ich kenne ja die Schweiz und auch Zürich ziemlich gut. Ich habe einen Monat in Zürich an der Uni verbracht, das war 1994. Und dann habe ich auch in der Schweiz schwarz gearbeitet, in einer Bäckerei in den Alpen. Darüber will ich auch mal was schreiben. Ich wollte mir für das Geld eine E-Gitarre kaufen, doch dann bin ich mit meiner Freundin nach Italien gefahren und das Geld war schnell weg.

Jaroslav Rudiš am kommenden Donnerstag (8. März) zusammen mit XXX an der Tschechischen Nacht im Literaturhaus Zürich. Nach der Lesung spielt die tschechische Band Priessnitz. Unbedingt hingehen!

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Noch Tickets für Christian Kracht

Wie die Veranstalter heute Abend mitteilten, sind wieder Tickets für die Lesung von Christian Kracht morgen im Kaufleuten zu haben. Wegen grosser Nachfrage wird die Lesung in den grossen Saal verlegt. Und wer morgen Abend nicht kann: Christian Kracht ist im Sommer ausserdem am Literaturfestival Leukberbad zu erleben.

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Jaroslav Rudiš: Exklusivinterview

Am kommenden Donnerstag findet im Literaturhaus Zürich eine tschechische Literaturnacht statt. Gäste des Abends sind u.a. der Autor Jaroslav Rudiš und der Musiker und Illustrator Jaromir 99. Gemeinsam sind sie die Erschaffer der Graphic Novel “Alois Nebel”, welche anfangs Februar bei Voland & Quist auf Deutsch erschien und demnächst ins Kino kommt. :rubikon hat Jaroslav Rudiš zu Alois Nebel exklusiv befragt.

Jaroslav Rudiš und Jaromir 99; Fotograf: Petr Jedinák

Jaroslav Rudiš und Jaromir 99; Fotograf: Petr Jedinák

Alois Nebel: Wie kommt man zu so einem Stoff?
Ich wollte über meinen Grossvater schreiben. Er hat vor dem Zweiten Weltkrieg als Eisenbahner im Grenzgebiet gearbeitet, im Sudetenland, im Norden von Böhmen. Dann musste er mit dem letzten Zug vor den Nazis fliehen. Er arbeitete aber weiter bei der Bahn und ist nach dem Krieg dorthin zurückgezogen. Er konnte alle diese Transporte, Armeen, alle diese Dramen beobachten. Ich wollte ein Buch über einen kleinen Bahnhof schreiben, durch den die Geschichte Mitteleuropas des 20. Jahrhunderts durchfährt. Alois Nebel ist der Beobachter dessen, was dort geschieht, wovon er am Ende wahnsinnig wird.

Und warum nehmen Sie dieses Thema auf?
Ich mag die Eisenbahn, ich wollte Lokführer werden, aber zugleich bin ich jetzt auch sehr froh, es nicht soweit gekommen ist. Ähnlich wie Alois Nebel sammle ich alte Fahrpläne. Ich finde es interessant, wie unsere mitteleuropäische Geschichte in ihnen abgedruckt ist. Alle Züge sind nach einem bestimmten Plan gefahren. Es hat mich immer fasziniert, dass
die Bahn Zeuge der geschichtlichen Ereignisse ist. Die Fährpläne bieten Alois Nebel dort, wo sich alles verändert hat, eine gewisse, aber zugleich auch trügerische Sicherheit.

Wie sehen Sie die Beziehung von Tschechien (und von Europa) zur Vergangenheit?
Wir sind vielleicht die erste Generation, die über diese Wunden und Traumata frei und ohne Emotionen sprechen und nachdenken kann. Ich wollte zusammen mit dem Zeichner Jaromír 99 über das Altvatergebirge erzählen. Diese Gegend liegt zwar im Herzen Europas, aber selbst viele Tschechen wissen nicht, wie man da mit der Bahn hinkommt. Dieser vergessener Landstrich an der Grenze zu Polen, wo früher mehr Deutsch
als Tschechisch gesprochen wurde, trägt in sich was geheimnisvolles und wurde von der Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert schwer gezeichnet. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war plötzlich alles anders. Die Deutschen waren weg, die Landschaft war plötzlich leer, ohne Menschen und deren Geschichten. Wie verzaubert.

Die Figuren, abgesehen von Alois Nebel, erscheinen alle sehr rau, die
Kulisse ist sehr düster – warum?
Es gibt hoffentlich auch ein bisschen Humor! Und “Alois Nebel” ist auch eine Liebesgeschichte. Alois Nebel verliebt sich und findet raus, dass das Leben nicht nur durch Züge und Fahrpläne bestimmt ist. Seine Květa ist eine tolle Frau, die man nur einmal im Leben treffen kann – wenn man Glück hat. Wenn nicht, dann hat man Pech. Aber sonst haben Sie schon recht, es ist düster, vernebelt, melancholisch. Aber das passt zu der
Gegend, zum Altvatergebirge. Dies ist ein Landstrich für wahre Romantiker. Man kann dort diese grosse Einsamkeit auch geniessen.

Wie erklären Sie sich den Erfolg des Buches “Alois Nebel”?
Vom dem Erfolg sind wir immer noch überrascht. Es hat sehr “punkisch” und anarchistisch angefangen, wir haben gedacht, wir werden so 50 Stück an unsere Freunde verschenken, aber von dem ersten Band “Bílý Potok -Weissbach” haben sich dann 7500 Stück verkauft und wir haben noch zwei weitere Bände geschrieben, “Hauptbahnhof” und “Zuckmantel”. Und später noch einige Shortstories. Vielleicht ist unser Alois nicht nur ein Loser, aber auch ein sympatischer Held. Er ist geschlagen, im Kopf vernebelt, doch er schafft das irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Und er ist auch ein sehr guter und sensitiver Beobachter davon, was wir alle im Mitteleuropa im letzten Jahrhundert durchgemacht haben.

Den zweiten Teil des Interviews gibts morgen auf :rubikon. Live erleben kann man Jaroslav Rudiš am kommenden Donnerstag im Literaturhaus Zürich! Unbedingt hingehen!

Über Jaroslav Rudiš
Jaroslav Rudiš, geboren 1972 in Turnov, ist tschechischer Schriftsteller, Drehbuch- und Hörspielautor sowie Dramatiker. Für seinen Debütroman „Nebe pod Berlínem“ („Der Himmel unter Berlin“, Rowohlt Berlin) wurde ihm der renommierte Jiří-Orten-Preis
verliehen. Auf Deutsch erschienen außerdem die Romane „Grandhotel“ und „Die Stille in Prag“ im Luchterhand Literaturverlag. „Grandhotel“ wurde 2006 von David Ondříček verfilmt, Rudiš hat das Drehbuch geschrieben. Zusammen mit dem Zeichner Jaromír 99 schuf er die erfolgreiche und bereits von Tomáš Luňák als Animation verfilmte Comictrilogie „Alois Nebel“. Die Hauptfigur ist ein einsamer Eisenbahner im tschechischen Grenzgebiet, der alte Fahrpläne den Menschen vorzieht und von der bewegten Geschichte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa eingeholt wird. Die Verfilmung wurde von Tschechien für den Oscar vorgeschlagen, die Uraufführung war bei den 68.
Internationalen Filmfestpielen von Venedig 2011. Die Graphic Novel ist im Februar 2012 auf Deutsch bei Voland & Quist erschienen, der Film wird demnächst auch in die deutschen Kinos kommen.  Sein bis jetzt letzter Roman ist „Vom
Ende des Punks in Helsinki“ (2010). Jaroslav Rudiš lebt und arbeitet
in Tschechien und Deutschland und schreibt auf Tschechisch und Deutsch.

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Ernst Meister – «Gedichte»

Die Slampoetin und momentane Überfliegerin der Szene, Hazel Brugger, stellt hier in loser Reihenfolge ihre Lieblingsbücher der letzten Monate vor.  Diesmal “Gedichte” von Ernst Meister.

Was am Ende bleibt ist ein Häufchen Asche und meist ein dicker Grabstein. Ein Särglein, vielleicht zwei Blumen, eine Kerze. Sind auch die Erinnerungen tot, die Blumen welk und ist die Kerze nunmehr eine unförmige Pfütze, ein Rorschachtest der Vergangenheit, ist der Leichenstein das einzig Oberirdische, was da thront und irgendwie noch an den Toten denkt.

Doch was schreibt man da, in diesen kleinen Felsen? Name, Jahr, wir liebten ihn – absurd finde ich so etwas, ein lächerliches Absurd viel eher als das majestätische Absurde des Todes selbst. Und kosten tut das ja auch was, eine Letter mindestens so viel wie das Mittagsmenu in einer Durchschnittsmensa, ohne Studentenausweis. Nicht, dass man sparen sollte oder gar müsste, an diesem letzten, uferlosen Denkmal, ganz im Gegenteil – aber ich denke doch schon, dass da mehr drin liegen sollte als das Offensichtliche, mehr als nur der Tote selbst.

Das Macht
eine Schneise,

wenn sie geht
allein
im undeutlichen
Wetter.

Der langsam Gehende,
der langsam Sehende
schneit zu.

Das ist Ernst Meister. Nicht glorifizierend, nicht wertend, weder Leben noch Tod über Anderes stellend. Mit dem ständigen Bewusstsein über das Irgendwannsterbenmüssen verbindet er das Lebende, das Sterbende und schliesslich den Tod zu einem unbrechbaren Netz, einem dichten Stein, wenn man so will. Dadurch, dass nichts unverdient poetisiert wird, nichts durch hektische Sterbensangst verklärt oder durch übermässige Todesfreude überbetont wird, kann man die Schönheit ganz wahr und rein in sich aufnehmen, sie dort wiederkäuen und bei Bedarf jederzeit wieder ausspeien. Auf „nomen est omen“ werde ich hier verzichten, so sollte es jedem Leser ohnehin schon klar sein, dass hier weder Bedeutung des Vor- noch Nachnamens zu kurz kommen – und Ernst Meister selbst wohl ironischerweise einer der wenigsten ist, bei denen der Name als Grabinschrift genügen sollte.

So etwas wünscht man sich, dem Haufen Staub, wünscht man der Nachwelt, allen Pflanzen, Maden und Vögeln zu lesen, allen Blinden mit den Fingern nachzufahren – zeitlos wie der Tod soll es dastehen und den Vorübergehenden vielleicht die Angst nehmen.

Flügelschatten.
So heller Morgen.

Der Vogel
blieb ungesehn.

Zum hundertsten Geburtstag gibt es eine komprimierte Form vom Meister, ausgewählt von Peter Handke, erhältlich bei Bibliothek Suhrkamp, daherkommend in gewohnt schlichter, leise lächelnder Montur.

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