Am kommenden Donnerstag findet im Literaturhaus Zürich eine tschechische Literaturnacht statt. Gäste des Abends sind u.a. der Autor Jaroslav Rudiš und der Musiker und Illustrator Jaromir 99. Gemeinsam sind sie die Erschaffer der Graphic Novel “Alois Nebel”, welche anfangs Februar bei Voland & Quist auf Deutsch erschien und demnächst ins Kino kommt. :rubikon hat Jaroslav Rudiš zu Alois Nebel exklusiv befragt.

Jaroslav Rudiš und Jaromir 99; Fotograf: Petr Jedinák
Alois Nebel: Wie kommt man zu so einem Stoff?
Ich wollte über meinen Grossvater schreiben. Er hat vor dem Zweiten Weltkrieg als Eisenbahner im Grenzgebiet gearbeitet, im Sudetenland, im Norden von Böhmen. Dann musste er mit dem letzten Zug vor den Nazis fliehen. Er arbeitete aber weiter bei der Bahn und ist nach dem Krieg dorthin zurückgezogen. Er konnte alle diese Transporte, Armeen, alle diese Dramen beobachten. Ich wollte ein Buch über einen kleinen Bahnhof schreiben, durch den die Geschichte Mitteleuropas des 20. Jahrhunderts durchfährt. Alois Nebel ist der Beobachter dessen, was dort geschieht, wovon er am Ende wahnsinnig wird.
Und warum nehmen Sie dieses Thema auf?
Ich mag die Eisenbahn, ich wollte Lokführer werden, aber zugleich bin ich jetzt auch sehr froh, es nicht soweit gekommen ist. Ähnlich wie Alois Nebel sammle ich alte Fahrpläne. Ich finde es interessant, wie unsere mitteleuropäische Geschichte in ihnen abgedruckt ist. Alle Züge sind nach einem bestimmten Plan gefahren. Es hat mich immer fasziniert, dass
die Bahn Zeuge der geschichtlichen Ereignisse ist. Die Fährpläne bieten Alois Nebel dort, wo sich alles verändert hat, eine gewisse, aber zugleich auch trügerische Sicherheit.
Wie sehen Sie die Beziehung von Tschechien (und von Europa) zur Vergangenheit?
Wir sind vielleicht die erste Generation, die über diese Wunden und Traumata frei und ohne Emotionen sprechen und nachdenken kann. Ich wollte zusammen mit dem Zeichner Jaromír 99 über das Altvatergebirge erzählen. Diese Gegend liegt zwar im Herzen Europas, aber selbst viele Tschechen wissen nicht, wie man da mit der Bahn hinkommt. Dieser vergessener Landstrich an der Grenze zu Polen, wo früher mehr Deutsch
als Tschechisch gesprochen wurde, trägt in sich was geheimnisvolles und wurde von der Geschichte des zwanzigsten Jahrhundert schwer gezeichnet. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war plötzlich alles anders. Die Deutschen waren weg, die Landschaft war plötzlich leer, ohne Menschen und deren Geschichten. Wie verzaubert.
Die Figuren, abgesehen von Alois Nebel, erscheinen alle sehr rau, die
Kulisse ist sehr düster – warum?
Es gibt hoffentlich auch ein bisschen Humor! Und “Alois Nebel” ist auch eine Liebesgeschichte. Alois Nebel verliebt sich und findet raus, dass das Leben nicht nur durch Züge und Fahrpläne bestimmt ist. Seine Květa ist eine tolle Frau, die man nur einmal im Leben treffen kann – wenn man Glück hat. Wenn nicht, dann hat man Pech. Aber sonst haben Sie schon recht, es ist düster, vernebelt, melancholisch. Aber das passt zu der
Gegend, zum Altvatergebirge. Dies ist ein Landstrich für wahre Romantiker. Man kann dort diese grosse Einsamkeit auch geniessen.
Wie erklären Sie sich den Erfolg des Buches “Alois Nebel”?
Vom dem Erfolg sind wir immer noch überrascht. Es hat sehr “punkisch” und anarchistisch angefangen, wir haben gedacht, wir werden so 50 Stück an unsere Freunde verschenken, aber von dem ersten Band “Bílý Potok -Weissbach” haben sich dann 7500 Stück verkauft und wir haben noch zwei weitere Bände geschrieben, “Hauptbahnhof” und “Zuckmantel”. Und später noch einige Shortstories. Vielleicht ist unser Alois nicht nur ein Loser, aber auch ein sympatischer Held. Er ist geschlagen, im Kopf vernebelt, doch er schafft das irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Und er ist auch ein sehr guter und sensitiver Beobachter davon, was wir alle im Mitteleuropa im letzten Jahrhundert durchgemacht haben.
Den zweiten Teil des Interviews gibts morgen auf :rubikon. Live erleben kann man Jaroslav Rudiš am kommenden Donnerstag im Literaturhaus Zürich! Unbedingt hingehen!
Über Jaroslav Rudiš
Jaroslav Rudiš, geboren 1972 in Turnov, ist tschechischer Schriftsteller, Drehbuch- und Hörspielautor sowie Dramatiker. Für seinen Debütroman „Nebe pod Berlínem“ („Der Himmel unter Berlin“, Rowohlt Berlin) wurde ihm der renommierte Jiří-Orten-Preis
verliehen. Auf Deutsch erschienen außerdem die Romane „Grandhotel“ und „Die Stille in Prag“ im Luchterhand Literaturverlag. „Grandhotel“ wurde 2006 von David Ondříček verfilmt, Rudiš hat das Drehbuch geschrieben. Zusammen mit dem Zeichner Jaromír 99 schuf er die erfolgreiche und bereits von Tomáš Luňák als Animation verfilmte Comictrilogie „Alois Nebel“. Die Hauptfigur ist ein einsamer Eisenbahner im tschechischen Grenzgebiet, der alte Fahrpläne den Menschen vorzieht und von der bewegten Geschichte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa eingeholt wird. Die Verfilmung wurde von Tschechien für den Oscar vorgeschlagen, die Uraufführung war bei den 68.
Internationalen Filmfestpielen von Venedig 2011. Die Graphic Novel ist im Februar 2012 auf Deutsch bei Voland & Quist erschienen, der Film wird demnächst auch in die deutschen Kinos kommen. Sein bis jetzt letzter Roman ist „Vom
Ende des Punks in Helsinki“ (2010). Jaroslav Rudiš lebt und arbeitet
in Tschechien und Deutschland und schreibt auf Tschechisch und Deutsch.